Warum vor Lärm schützen?

Geht das nicht leiser? – Diese meist rhetorisch gestellte Frage sagt einiges über die Wirkung von Geräuschen aus: Je lauter sie sind, desto unangenehmer ist ihre Wirkung. Aber Schall entfaltet seine Wirkung nicht nur abhängig von Lautstärke und Umgebung, sondern auch von der Empfänglichkeit des Hörenden. In lauter und lang andauernder Form kann er krank machen. Doch wie Lärm auf den menschlichen Organismus wirkt, ist unter Wissenschaftlern noch umstritten.

Warum vor Lärm schützen?

Viele Menschen, die an einem Flughafen wohnen, sind von Fluglärm genervt. Wie stark, hängt einerseits von der Lautstärke und der Häufigkeit ab. Denn je lauter Geräusche sind und je häufiger sie auftreten, desto eher werden sie als unangenehmer Lärm wahrgenommen. Andererseits hängt es von der persönlichen Lärmempfindung und der jeweiligen Situation ab. Verkehrslärm während des Tages wiegt zumeist weniger schwer als gleichlaute Geräusche in den Abend- und Nachtstunden. Die Menschen haben dann ein größeres Ruhebedürfnis oder wollen schlafen. Sollen sich Schulkinder auf den Unterricht konzentrieren, kann Lärm stärker ablenken, als wenn sie auf dem Schulhof Fußball spielen. Auch die Lebenssituation spielt bei der Wahrnehmung eine Rolle. So wird jemand, der am Flughafen arbeitet, die Geräusche vermutlich als weniger belästigend empfinden.

Mögliche Wirkungen auf Gehör und menschlichen Körper #moegliche_wirkungen_auf_gehoer_und_menschlichen_koerper

Lauter und andauernder Lärm kann bei Menschen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Grundsätzlich lassen sich die Schäden in zwei Kategorien einteilen: Wirkungen auf das Gehör (aurale Wirkungen) und Wirkungen auf den gesamten Körper (extra-aurale Wirkungen).

Zu den möglichen Wirkungen des Schalls auf das Gehör zählen im Wesentlichen Beeinträchtigungen des Hörvermögens bis hin zur Schwerhörigkeit sowie zeitlich begrenzte oder dauerhafte Ohrgeräusche, der sogenannte Tinnitus. Schwerhörigkeit durch Lärm tritt aber in der Regel erst dann auf, wenn ein Mensch dauerhaft mehrere Stunden am Tag und an mehreren Tagen in der Woche einem Geräuschpegel von mehr als 85 dB(A) ausgesetzt ist. Das ist zum Beispiel der Fall bei einem Bauarbeiter, der einen Presslufthammer bedient. Um einer Schädigung des Gehörs entgegen zu wirken, trägt er deshalb einen Gehörschutz. Solche Belastungssituationen treten im Umfeld von zivilen Flughäfen jedoch nicht auf.

Schall wirkt aber nicht nur auf das Gehör, sondern auf den gesamten Körper. Er kann das subjektive Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen schon dadurch beeinträchtigen, dass er stört. Darüber hinaus kann Schall schon in einer Intensität, die das Gehör nicht beeinträchtigt, körperliche Stressreaktionen auslösen. Diese können auch im Schlaf auftreten und bei Personen, die meinen, sie hätten sich an Lärm gewöhnt. Als mögliche gesundheitliche Langzeitfolgen werden unter anderem Bluthochdruck sowie Herz- und Kreislauferkrankungen diskutiert.

Lärmwirkung von vielen Faktoren geprägt #laermwirkung-von-vielen-faktoren-gerpaegt

Lärmwirkung von vielen Faktoren geprägt

Forschungsstand lässt noch Fragen offen #forschungsstand_laesst_noch_fragen_offen

Monokausale Rückschlüsse, die Lärm als alleinige Ursache für gesundheitliche Beeinträchtigungen ausmachen, sind jedoch zu kurz gegriffen: So ist zum Beispiel Bluthochdruck eine Volkskrankheit, an der etwa 35 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Hauptursachen dafür sind genetische Vorbelastungen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress und Rauchen. Je mehr Risiken zusammenkommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Bluthochdruck entwickelt.

Eine professionelle Lärmwirkungsforschung schafft die Grundlage für ein Verständnis der Zusammenhänge der gesundheitlichen, mentalen und gesellschaftlichen Belastungen durch Lärm. Darum besteht ein großes Interesse an Studien, die die Wirkungen von Lärm so untersuchen, dass die Ergebnisse wissenschaftlich fundiert sind. Auf welche Bereiche des Körpers Lärm wirkt und in welchem Umfang, untersuchen Wissenschaftler seit den 1970er Jahren. Es fehlen aber noch immer Nachweise für kausale Wirkungsketten.

Dennoch gibt es eine Reihe von Studien, die Hinweise auf einzelne Zusammenhänge zwischen Verkehrslärm und Gesundheit geben:

  • Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erstellte von 2004 bis 2007 die Studie AIRORA (Studies on the Cumulative Effects of Air, Road and Rail Traffic Noise) zur unterschiedlichen Wirkung von Fluglärm, Straßenlärm und Bahnlärm auf den Schlaf.
  • Die Daten der europäischen Studie HYENA (Hypertension and Exposure to Noise near Airports) wurden zwischen 2002 und 2006 unter anderem am Flughafen Berlin-Tegel erhoben. Untersucht wurden die Auswirkungen von Fluglärm auf das Herz-Kreislauf-System.
  • In einem groß angelegten Projekt namens LARES (Large Analysis and Review of European Housing and Health Status) untersuchte die Weltgesundheitsorganisation WHO 2002 und 2003 den Einfluss von Verkehrslärm, der in der eigenen Wohnumgebung erlebt wird, auf die Gesundheit. Darin sollten die Zusammenhänge zwischen lärmbedingter Belästigung beziehungsweise Schlafstörungen und stressbedingten Krankheiten identifiziert werden.
  • Für die Studie STRAIN (Study in human specific Response to Aircraft Noise) erhob das DLR zwischen 1999 und 2003 Daten über den Zusammenhang von nächtlichem Fluglärm und Gesundheit, sowohl im Labor als auch in den Wohnungen von Anrainern des Flughafens Köln/Bonn.

Diese großen nationalen und internationalen Studien der letzten Jahre stellen nur einen kleinen Ausschnitt der Forschungslandschaft zum Thema Lärmwirkung dar. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zwar Hinweise auf einzelne Zusammenhänge zwischen Lärm und Gesundheit geben. Genauere analytische Aussagefähigkeiten bezüglich kausaler Zusammenhänge lassen sich jedoch nicht ableiten.

Dipl. Psych. Ute Felscher-Suhr & Rechtsanwalt Thomas Lurz Laut nachgedacht – Lärmwirkungen in der Diskussion

Unter dem Motto „Laut nachgedacht – Lärmwirkungen in der Diskussion“ ...

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Die NORAH-Studie #die_norah_studie

Weitere Erkenntnisse wurden durch die NORAH-Studie (Noise Related Annoyance, Cognition und Health) gewonnen. Diese haben das Land Hessen und die gemeinnützige Umwelthaus GmbH 2011 beauftragt. Schwerpunkt der Studie war die besondere Situation im Rhein-Main-Gebiet rund um den Flughafen Frankfurt. Da dort im Jahr 2011 eine neue Landebahn in Betrieb genommen, das Nachtflugverbot ausgeweitet sowie einige Abflugrouten und -verfahren geändert wurden, konnten die Folgen einer veränderten Fluglärmbelastung in diesem Gebiet gut untersucht werden. Die Studie hatte zum Ziel, die Folgen einer sich ändernden Fluglärmbelastung zu ermitteln. Dafür analysierte sie zum einen, welche Belästigungen bei der Bevölkerung und zum anderen, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Fluglärm aufgetreten sind sowie die Auswirkungen von Fluglärm auf die Lernfähigkeit von Grundschulkindern. Die NORAH-Studie sollte somit die Erkenntnisse vorhergehender Lärmwirkungsstudien vertiefen. Vergleichsuntersuchungen fanden an den Flughäfen Berlin, Stuttgart und Köln/Bonn statt.

Erste Teilergebnisse wurden im November 2014 veröffentlicht, eine Gesamtauswertung erfolgte im Oktober 2015.

Weiterlesen im Kapitel NORAH-Studie.

Forschungsaspekte der Lärmwirkungsstudie NORAH #forschungsaspekte_der_laermwirkungsstudie_norah

Die NORAH-Studie soll neue Erkenntnisse der Fluglärmwirkung in den drei Bereichen Lebensqualität, Gesundheit und Entwicklung liefern

Quelle: Forschungskonsortium der NORAH-Studie

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