Lärmschutz braucht verantwortungsbewusste Siedlungspolitik

Weil neue Flugzeuge leiser sind als alte, werden die Flächen in der Umgebung von Flughäfen, die mit bestimmten Lärmwerten belastet sind, immer kleiner. Da aber viele angrenzende Gemeinden ihr Siedlungsgebiet weiter in Richtung der Flughäfen ausdehnen, wächst dennoch in vielen Regionen die Zahl der Betroffenen. Eine vorausschauende Raumordnungspolitik könnte dieser Entwicklung entgegenwirken.

Lärmschutz braucht verantwortungsbewusste Siedlungspolitik

Um zu verhindern, dass mehr Menschen Fluglärm ausgesetzt werden, definiert das Fluglärmgesetz drei Schutzzonen, in denen Siedlungsbeschränkungen gelten. Der Lärmschutzbereich ist unterteilt in die Tag-Schutzzonen 1 und 2 sowie eine Nacht-Schutzzone, in der die Lärmbelastung in der Nacht ausschlaggebend ist. Die Grafik zeigt, anhand welcher Kriterien diese Zonen festgelegt werden. Dabei steht LAeq für den äquivalenten Dauerschallpegel, also einen Mittelungspegel über die während eines bestimmten Zeitraums auftretenden Einzelschallereignisse. Bei LAmax handelt es sich um den Maximalpegel im Innenbereich, der für die Nacht-Schutzzone als zusätzliches Kriterium herangezogen wird.

Lärmschutzzonen für das Flughafenumfeld #laermschutzzonen_fuer_das_flughafenumfeld

Fluglärmschutzgesetz definiert drei Schutzzonen

Das Fluglärmgesetz definiert zwei Tag- und eine Nachtschutzzone rund um Flughäfen

Quelle: Fluglärmschutzgesetz (FluLärmG)

Im gesamten Lärmschutzbereich, der alle drei Zonen umfasst, dürfen in der Regel keine Krankenhäuser, Altenheime und Erholungsheime errichtet werden. In der Schutzzone 1 und in der Nachtschutzzone ist zudem der Bau von Wohnungen grundsätzlich verboten. Für die beiden Tagschutzzonen gibt es eine weitere Einschränkung: Hier dürfen keine Schulen, Kindergärten und vergleichbare Einrichtungen gebaut werden.

Siedlungsflächenentwicklung im Flughafenumfeld

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und die Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen haben kürzlich eine neue Studie zur Siedlungsflächenentwicklung im Flughafenumfeld vorgelegt. Die Studie enthält eine Langzeitanalyse der tatsächlichen Siedlungsflächenentwicklung im Umfeld der sechs Flughäfen Frankfurt, München, Düsseldorf, Hamburg, Köln/Bonn und Hannover über die vergangenen etwa fünf Jahrzehnte hinweg sowie Handlungsempfehlungen für eine zukünftige Optimierung der Flächennutzungsplanung im Flughafenumland, die im Interesse einer weiteren Verbesserung des Fluglärmschutzes an einigen Flughafenstandorten dringend geboten erscheint.

Schon seit längerem lässt sich beobachten, dass die Bebauung an einigen Standorten immer näher an die Flughäfen heranrückt, indem Baulücken geschlossen und bestehende Siedlungen im Umfeld der Flughäfen nachverdichtet und arrondiert werden, teilweise aber auch vollkommen neue Siedlungsbereiche entstehen. Diese Entwicklung ist mit Blick auf die von allen Beteiligten abgestrebte weitere Verbesserung des Fluglärmschutzes problematisch. Denn dadurch werden Maßnahmen der Luftverkehrswirtschaft für den Lärmschutz konterkariert, da die Zahl der im direkten Umfeld der Flughäfen lebenden Menschen und damit auch die Zahl der Fluglärmbetroffenen immer weiter ansteigt.

Angesichts dieser Entwicklung konstatieren die Gutachter erheblichen Handlungsbedarf und legen dazu auch eine Reihe von Handlungsempfehlungen dar.

Download zur Studie der Siedlungsflächenentwicklung im Flughafenumfeld

Ausnahmen verhindern Lärmschutz #ausnahmen_verhindern_laermschutz

 Viele Ausnahmen von diesen Bestimmungen ermöglichen jedoch weiteres Siedlungswachstum rund um die Flughäfen – auch in den Siedlungsbeschränkungszonen. So dürfen etwa weiterhin Wohnungen in Gebieten gebaut werden, für die bereits Bebauungspläne oder Umstrukturierungen beschlossen sind. An vielen deutschen Flughäfen wächst deshalb die Stadt an den Flughafen heran. So entsteht neue Betroffenheit, auch wenn die Flughäfen längst gebaut und die Flugrouten festgelegt sind.

Die folgende interaktive Grafik zeigt für den Flughafen Köln/Bonn, wie die Siedlungsflächen der Gemeinden im Laufe der Jahre immer näher an das Flughafengelände herangewachsen sind. Auf der linken Seite der Legende lässt sich ein- und ausblenden, wann welche Wohngebiete im Umland neu gebaut wurden. Der Verlauf der Siedlungsentwicklung zeigt: In vielen Fällen wurden Neubaugebiete ausgewiesen, wo längst gesetzliche Siedlungsbeschränkungen galten.

Siedlungen rücken an das Flughafengelände heran #siedlungen_ruecken_an_das_flughafengelaende_heran

Erschließung neuer Wohngebiete von 1960 bis 2011 im Umkreis des Flughafens Köln/Bonn

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Quelle: Flughafen Köln/Bonn GmbH | Kartenmaterial OpenStreetMap.org Durch Anklicken der Kästchen lässt sich einblenden, wann welche Wohngebiete errichtet wurden.

Die Kommunen führen unterschiedliche Gründe für ihre Politik an. Sie verweisen zum Beispiel darauf, dass sie den Platz dringend für Neubauprojekte benötigen oder sie argumentieren mit ausbleibenden Einnahmen bei Steuern und Abgaben. Ohne eine geeignete Kompensationsregelung ist bisher keine Bereitschaft der Kommunen abzusehen, einseitig auf Nachverdichtung und Erweiterung von Wohngebieten zu verzichten. Durch vorausschauende und verantwortungsbewusste Politik auf kommunaler und regionaler Ebene könnte dies vermieden werden. Doch zurzeit fehlen Ansätze dafür, die Konflikte zwischen den gesetzlich festgelegten Siedlungsbeschränkungen und dem Wachstumsbedarf der Kommunen zu lösen.

BER: Blankenfelde-Mahlow wächst mit dem Fluglärm #ber_blankenfelde-mahlow_waechst_mit_dem_fluglaerm

Auch im Umfeld des zukünftigen Großflughafens Berlin-Brandenburg finden sich Beispiele für Belastungen, die sich durch eine weitsichtige Politik hätten vermeiden lassen. Im Westen des Flughafens liegt die Brandenburger Gemeinde Blankenfelde-Mahlow mit mehr als 25.000 Einwohnern. Nach dem Mauerfall erlebte sie wie die meisten Dörfer und Städte im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum.

In den ersten Jahren nach der Wende war noch nicht abzusehen, wie – und vor allem wo – sich die Zukunft des Berliner Luftverkehrs entwickelt, auch wenn es Pläne für eine Erweiterung des wichtigsten DDR-Flughafens schon seit den 1960er Jahren gab. Ende Mai 1996 aber einigten sich der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg darauf, Schönefeld als einzigen Flughafen der Hauptstadt zu nutzen und zu einem Großflughafen auszubauen. Die Flughäfen Tempelhof und Tegel sollten dafür geschlossen werden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es in Blankenfelde-Mahlow deutlich mehr Fluglärm geben würde, sobald der neue Flughafen seinen Betrieb aufnimmt. Ungeachtet dessen haben lokale und regionale Politik die Siedlungen ungebremst weiterwachsen lassen, ohne die zukünftige Fluglärmbelastung in hinreichender Weise zu berücksichtigen.

Ansteigende Bevölkerung trotz Flughafenausbau #ansteigende_bevoelkerung_trotz_flughafenausbau

Die Bevölkerung des Ortes Blankenfelde-Mahlow wächst trotz Ausbau des Flughafens Berlin Brandenburg in direkter Nähe seit 1996 stark an

Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (AfS) | Kartenmaterial: OpenStreetMap.org

Erfolge bei der Lärmreduzierung werden relativiert #erfolge_bei_der_laermreduzierung_werden_relativiert

Kurzsichtige Raumordnungspolitik konterkariert die Bemühungen, das Fliegen leiser zu machen. Wenn die Siedlungen immer näher an die Flughäfen heranrücken, bleiben viele Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung im Ergebnis wirkungslos. Das zeigt: Wirksamer Lärmschutz ist nicht nur eine Angelegenheit der Luftverkehrswirtschaft, sondern braucht auch eine verantwortungsbewusst agierende Kommunalpolitik und Flächennutzungsplanung.

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